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Corona und die großen Themen des Lebens und Sterbens

Reliunterricht mit Scheidemann-Willenberg. Foto: Frank Willenberg

Oldenburg | Vechta | CS Redaktion

Im Religionsunterricht geht es nicht um „Singen, Beten und Mandalas ausmalen", betont Pfarrerin Kerstin Hochartz, Leiterin der Arbeitsstelle für Religionspädagogik der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg. Religionsunterricht sei alles andere als irrelevant – gerade in Zeiten von Corona. Auch wenn der Religionsunterricht in den vergangenen Wochen an manchen Schulen zeitweise gar nicht oder eingeschränkt erteilt wird, ist er aufs engste mit grundlegenden Fragen, Emotionen und Vorstellungen verbunden. Es geht – im wahrsten Sinne – um Leben und Tod.


Doris Scheidemann-Willenberg, evangelische Pfarrerin im Schuldienst. Sie unterrichtet Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Landkreis Cloppenburg und in Vechta. Foto: © Frank Willenberg

Religionsunterricht unter besonderen Bedingungen – Beispiel aus der Praxis

Dies bestätigt auch Doris Scheidemann-Willenberg. Sie ist evangelische Pfarrerin im Schuldienst an einer Oberschule im Landkreis Cloppenburg, außerdem an einem katholischen Mädchengymnasium und an Berufsbildenden Schulen in Vechta. Sie ist viel unterwegs, und die Schüler*innen fordern sie auf vielfältige Art. In den letzten Monaten hat sie völlig neue Berufserfahrungen gemacht:

Homeschooling und Aufsicht

Der durch die Corona-Pandemie bedingte Lockdown hat den Schulalltag völlig verändert. In Windeseile hatte sich Doris Scheidemann-Willenberg für Homeschooling in digitale Medien und Methoden einzuarbeiten. Gleichzeitig ging es darum, alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen digital mitzunehmen – bei all den unterschiedlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten zu Hause. So wird beispielsweise am Gymnasium systematisch auf iPads gearbeitet, während woanders ein Handy nur im Beisein der Eltern genutzt werden darf – ein Handy für acht Kinder. Die einen können selbstständig mit digitalen Medien umgehen, den andern fehlen Internet-Zugang und Endgeräte, oder sie brauchen umfangreiche Anleitung.

Später wird Doris Scheidemann-Willenberg, weil sie den regulären Unterricht nicht halten darf, in zwei Schulen als Aufsicht eingeteilt – 14 Stunden die Woche.

Im Lehrerzimmer ist ein „Fenster mit Aussicht“ eingerichtet. Foto:Doris Scheidemann-Willenberg

Im Lehrerzimmer ist ein „Fenster mit Aussicht" eingerichtet, an dem persönlich bewegende Gedanken anonymisiert notiert und in den Karton gelegt werden können. Die verschlossenen Umschläge werden vom Schulseelsorger einmal wöchentlich abgeholt, im Gottesdienst auf dem Altar Gott anvertraut und danach verbrannt. Foto: © Doris Scheidemann-Willenberg

„Auf wackeligen Füßen"

Doris Scheidemann-Willenberg steht plötzlich vor der Aufgabe, „die unterschiedlichen Gegebenheiten jeder Schule zu verwirklichen".

In der Oberschule Cappeln ist sie gehalten, während des Home-Schoolings keine Aufgaben zu stellen, um die Schüler*innen nicht zu überfordern. Seit es wieder Präsenzunterricht gibt, findet gar kein Religionsunterricht mehr statt. Am katholischen Mädchengymnasium ULF in Vechta dürfen unterdessen medial Aufgaben gestellt werden. Als die Schule nach dem Lockdown wieder öffnet, werden alle evangelischen Schüler*innen im katholischen Unterricht aufgenommen. Die Inhalte werden zwischen der evangelischen und der katholischen Lehrkraft koordiniert – Themen wie „Tod und Sterben". Auch an den Berufsbildenden Schulen in Vechta gibt es in Zeiten der Schulschließung im Fach Religion kein Home-Schooling.

Jeder Tag bringt Neues. Anstrengend ist nicht etwa der zusätzliche Zeitaufwand, sagt Doris Scheidemann-Willenberg, sondern der „Weg" auf völlig unbekanntem Terrain, „auf wackeligen Füßen".

Klassenübergreifender Unterricht verboten

Evangelischer Religionsunterricht an katholischen Schulen wird da plötzlich zur Hygienefrage. Klassenübergreifend darf, so der Erlass des Kultusministeriums, nicht unterrichtet werden – und evangelische Klassen sind nun mal aus einzelnen Schüler*innen mehrerer Parallelklassen zusammengesetzt.

Miteinander Lösungen finden

Doch irgendwie finden sich Wege. Hier durch gelingende Kooperation mit dem katholischen Kollegen. Dort mithilfe kompetenter Medienpädagog*innen, die in „digitalen Regalen" praktische Tools und Techniken vorstellen. So profitiert Doris Scheidemann-Willenberg beispielsweise stark von den Angeboten der Medienstelle der Arbeitsgemeinschaft für Religionspädagogik in Oldenburg. Auch der Austausch in kleinen digitalen Gruppen empfindet die 59-Jährige als wohltuend. „Videokonferenzen, das ist das Zauberwort dieser Zeit", fasst sie zusammen.

So gewinnt der zeitweisen Desorientierung auch positive Seiten ab: „Die Methodenvielfalt ist auf digitale Füße gestellt worden", sagt sie, und: Viele können sich in ihrem Potenzial erfahren. Kompetenzen sind gefordert – und werden gestärkt.

„Gute Gedanken" und „Fenster nach außen"

An den Berufsbildenden Schulen MarienHain gGmbH Vechta begleiten Doris Scheidemann-Willenberg und Kaplan Albert Lüken im ökumenischen Miteinander Schüler*innen, das Kollegium und Mitarbeitende mit Briefen und Gesprächsangeboten – und bis Ende April mit einem täglich auf die Schulplattform gestellten „Guten Gedanken". Der wird auch per Facebook geteilt und erreicht viele Menschen außerhalb der Schule. Im Lehrerzimmer steht außerdem ein Karton für anonymisierte Anliegen bereit, die vor den Altar gebracht und anschließend verbrannt werden: das „Fenster nach außen".

„Kreativer Wortgottesdienst" mit Zeugnisübergabe

Während anderswo die traditionellen ökumenischen Gottesdienste zum Abitur und Schuljahresende nicht erlaubt sind, haben Doris Scheidemann-Willenberg, Kaplan Albert Lüken und die Schulleitung einen „kreativen Wortgottesdienst" mit integrierter Zeugnisübergabe konzipiert, der in allen Schulformen in jeder Klasse gefeiert werden konnte. In der Fachoberschule, in der Doris Scheidemann-Willenberg als einzige an der Schule tätige evangelische Lehrkraft unterrichtet, fand er ökumenisch statt.

Existenziell menschliche Themen

Im Religionsunterricht ging es zu Beginn der Corona-Krise nicht darum, den Lehrplan einzuhalten. Am Gymnasium, wo Religion als Leistungsfach gewählt werden kann, hat sich das mittlerweile geändert. An den BBS geht es derzeit um aktuelle Themen, die den Schülerinnen und Schülern „am Herzen liegen": Wie geht es weiter nach Corona? Wird die Schere noch weiter auseinander klaffen, oder entwickelt sich eine Wir-Welt? Und, nach den Ereignissen in den USA: Wo kommt der Rassismus her? Was steckt davon auch in mir? Wie damit umgehen? Religionsunterricht ist nah dran. Dicht am Menschen. Immer da, wo das Sein berührt wird.

Text:  Laelia Kaderas.

Interview mit Pfarrerin Kerstin Hochartz, Leiterin der Arbeitsstelle für Religionspädagogik (arp) der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg.

Die arp hat es sich zur Aufgabe gemacht, kirchliche Bildung in der Gesellschaft zu verankern. Sie schult, berät und unterstützt u.a. Lehrende zwischen Weserufer und Ostfriesland, von Wangerooge bis zu den Dammer Bergen. Als Leiterin der Arbeitsstelle für Religionspädagogik erhält Pfarrerin Kerstin Hochartz in einem weiten Umfeld tiefe Einblicke in die Praxis. Im Interview: mit Laelia Kaderas macht sie deutlich, dass Religionsunterricht anders ist, als sich die, die ihrer eigenen Schulzeit entwachsen sind, ihn sich vorstellen. Anders als er einmal war. Anders als der Name suggeriert. Anders als in der Zeit vor Corona.

Hier geht es zum Interview.

Pfarrerin Kestin Hochartz mit dem Erzählbeutel „Arche Noah“.Foto: Laelia Kaderas
Pfarrerin Kestin Hochartz mit dem Erzählbeutel „Arche Noah". Der Erzählbeutel führt immer wieder an neue Schauplätze einer Geschichte. Foto: © Laelia Kaderas

Kontakt:

Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg
Philosophenweg 1
26121 Oldenburg

www.kirche-oldenburg.de

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